Frauenparkplatz
Ich kann nicht so gut einparken. Das Autofahren im Allgemeinen, das klappt sehr gut. Nur das mit dem Einparken ist nicht so einfach. Das scheint an einem genetischen Defekt zu liegen. Ich kann mich erinnern, dass das bei meiner Ururgroßmutter auch schon so war. Hat man mir jedenfalls erzählt.
Dabei geht es gar nicht mal um das Einparken in eine Parklücke, die durch äußere Rahmenbedingungen (wie zum Beispiel andere parkende Autos) vorgegeben ist. Nein, es ist leider sehr viel schlimmer: Ich kann nicht einparken, wenn da nichts ist.
Da gibt es dieses entsetzliche Parkhaus am Krankenhaus. Der Architekt hat seinen Entwurf im Maßstab 1:100 direkt in die Örtlichkeit umgesetzt. Die Parkflächen sind so eng bemessen, dass da eigentlich nur Spielzeugautos parken können. Ohne eine Schramme am Kotflügel vorne rechts und ein kaputtes Blinklicht hinten links kommt man weder in eine Parklücke hinein, geschweige denn wieder raus.
Aber das ist nicht das Problem. Das schaffe ich wirklich gut! Was ich dagegen wirklich schlecht schaffe, ist einzuparken, wenn da so gar nichts ist – außer den weißen Parkplatzstreifen. Es gibt nichts Komplizierteres für mich als einen vollkommen leeren Parkplatz. Ich brauche anscheinend äußere Begrenzungen, um mein mobiles Sein zu definieren. Wer bin ich ohne all die anderen Autos?
Diese Erkenntnis trifft mich hart und vollkommen unvorbereitet, als ich auf einem autoleeren Parkgelände ein Plätzchen für mich und mein Auto suche. Da ist alles frei. Rein theoretisch könnte ich mich mitten draufstellen, quer über mehrere angezeichnete Parkplätze oder diagonal. Tue ich aber nicht.
Ich versuche nach deutschem Verkehrsrecht ordnungsgemäß und ordentlich einzuparken – und stehe jedes Mal mit den Reifen einer Autoseite auf einem weißen Streifen. Ich kann das nicht so stehen lassen. Also das Auto nicht – und die Tatsache nicht, dass das Auto nicht vorschriftsmäßig eingeparkt ist.
Ich schlage den Rückwärtsgang ein, fahre ein Stück zurück, um dann erneut in die Parklücke einzuparken. Genaugenommen ist es ja gar keine Lücke. Es ist die Freifläche zwischen zwei weißen Streifen, die Teil einer riesigen Freifläche ist. Das gibt es doch nicht!
Der nächste Versuch schlägt ebenfalls fehl. Ich setze zurück und versuche einen anderen Parkplatz. Der da drüben scheint mir viel breiter zu sein. Aber das war wohl nur eine optische Täuschung. Beim Einparken ist es diesmal die linke Autoseite, die auf der weißen Begrenzungslinie steht.
Also noch mal: Raus da und wieder rein. Ich komme noch zu spät! Seit einer Viertelstunde geht das nun schon so. Da gibt es aber auch so gar nichts, woran ich mich orientieren könnte. Wie würde Mr. Bean das Problem lösen? Ich fange an zu schwitzen. Mein Termin hat bereits begonnen und ich finde keinen Parkplatz. Ob ich mal jemanden fragen sollte, ob er mir beim Einparken behilflich sein könnte? Jemand, der mich einweisen könnte? Am besten ein Arzt? Und am besten in eine Klinik?
Ich stehe mitten auf der großen Fläche – kreuz und quer –, da fährt doch plötzlich ein anderer Wagen auf den Parkplatz. Ich rutsche schnell von meinem Sitz runter und verstecke mich hinter dem Lenkrad. Das Auto fährt an mir vorbei und parkt ganz lässig und locker etwa 30 Meter von mir entfernt. Punktgenau stellt der Fahrer seinen Wagen zwischen die zwei weißen Begrenzungslinien, steigt aus, schließt sein Fahrzeug ab und verlässt den Parkplatz. Er hat meine volle Bewunderung. Wenn ich groß bin, will ich so werden wie er.
Ich warte noch einen Augenblick, um ganz sicher zu sein, dass der Mensch auch weg ist, starte dann den Motor meines Autos, fahre zielorientiert zu dem blauen Mercedes und stelle mich direkt neben ihn. Neben seine Fahrerseite. So dicht, dass er zwar Probleme beim Wiedereinsteigen haben wird – aber dafür fühle ich mich richtig wohl mit meinem Standplatz. Jetzt stimmt es wieder.
„Sie kommen zu spät!“, ermahnt mich meine Patientin.
„Das tut mir unendlich leid, aber es war wirklich sehr schwer, einen Parkplatz zu bekommen.“