Gras im Tee

Ich bin zu Besuch bei meiner Freundin. Auf meiner To-do-Liste für meine zweite Lebenshälfte steht direkt nach „Schwimmen mit Delfinen“: einmal einen Joint rauchen.

Nun ist es so weit und ich bin so aufgeregt, wie man es nur aus dem unteren Drittel der ersten Lebenshälfte kennt. Ich bin mir nicht sicher, wo genau der Unterschied zwischen Cannabis, Marihuana und Haschisch liegt, aber wenn ich mir diese dunkelgrünen Krümel in meiner Hand so anschaue, trifft die Beschreibung „Gras“ schon recht gut zu. Vielleicht schon älteres Gras. Also welches, das vorher gemäht, anschließend zusammengeknuddelt und dann getrocknet wurde. Oder eher wie ein Stück Thuja-Zweig, der von einem Pilz befallen wurde und sich ganz klein zusammengerollt hat. Oder vielleicht auch ganz anders. Egal.

Ich google seit zwei Stunden alles, was ich zum Thema „Cannabis konsumieren“ finden kann. Noch etwa zwanzigtausend Seiten liegen vor mir, die englischsprachigen nicht hinzugezählt. Meine Freundin hat sich schon mal eine Tüte gedreht und schaut mir kichernd dabei zu, wie ich Rezepte für entsprechende Teezubereitungen ausdrucke.

Nach weiteren sechzig Minuten und einem Anruf bei der Drogenberatung lösen wir die Krümel genau nach Rezeptanleitung in Kokosöl auf, brauen einen Yogi-Tee und geben Milch und Zucker hinein. Viel Zucker. Viel zu viel nach meinem Geschmack. Es dauert ewig, bis alles fertig ist.

Die Telefonnummer der Giftnotzentrale in Griffweite, sitze ich mit meiner Tasse Haschisch-Tee (oder Cannabis-Tee oder was auch immer) auf dem Sofa. Nach den ersten Schlucken ist mir schon klar, dass man das hier nicht aus Genuss tut. Das fette Kokosöl-Milch-Zucker-Gebräu passiert meinen Magen. Mir ist etwas schlecht. Tapfer trinke ich die ganze Tasse leer und warte auf eine Reaktion.

Nichts. Es passiert nichts. Ich lausche in mich hinein. Alles wie immer. Ob wir was falsch gemacht haben?

Ich rufe noch mal die Drogenberatung an und muss an den ADAC denken. „Wir haben hier eine Drogenpanne, ob mal jemand danach schauen könnte?“

Der Mann am anderen Ende der Leitung fragt mich, ob ich vielleicht schon was anderes genommen hätte. Er fände meine Frage sehr ungewöhnlich. Vielleicht sollte ich mal unter Chefkoch.de nachschauen.

Wir suchen nach einem neuen Rezept und starten einen zweiten Versuch. An dem Kokosöl kommt man nicht vorbei. Nach der zweiten Tasse Tee schwenkt meine Leber die rote Fahne. Hätte ich etwas früher Bescheid gegeben, hätte sie für ausreichend Gallenflüssigkeit gesorgt. Ich glaube, ich bekomme Durchfall.

Wir warten. Es tut sich nichts. Ich überlege, wen ich jetzt noch anrufen könnte. Meine Große vielleicht?

Meine Freundin schlägt vor, wir sollten jetzt doch mal den direkten Weg versuchen. Eigentlich wollte ich meinen Lungenkreislauf umgehen, aber jetzt haben wir uns schon so viel Mühe gegeben, meinem Körper das THC vorzustellen, dass ich jetzt nicht einfach so aufgeben mag.

Sie bastelt mir eine Tüte und ich passe genau auf. Mit meinem Asthma-Notfallmedikament in der Hand wage ich meinen allerersten Zug an einer Zigarette. Der Rauch kommt gerade mal bis kurz hinter den Kehlkopf. Dann muss ich schon husten. Unmöglich!

Meine Freundin ermutigt mich, es noch einmal zu versuchen. Diesmal gelingt es mir immerhin bis zu den Bronchien. Beim dritten Zug warte ich ab, bis meine Freundin bis drei gezählt hat. Dann kommt alles wieder raus. Meine Lunge brennt. Ich versuche von außen erfolglos dagegen vorzugehen, aber der brennend heiße Dampf ist ja in mir. Sicherheitshalber benutze ich einmalig mein Asthma-Spray. Meine Freundin schüttelt belustigt den Kopf.

Wir warten.

DA! Da war was. Ich sehe eine Kachel aus der Küche meiner Eltern. Sie stammt aus den Siebzigern. Toll.

Das nächste Mal versuche ich es mit Hasch-Keksen.

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