Jurassic-Park

Heute ist Shopping-Tag! Normalerweise gehe ich überhaupt nicht gerne einkaufen, aber das Stöbern in homöopathischen Internet-Apotheken fühlt sich für mich so an wie für viele das Schuhe kaufen. Okay – Schuhe kaufen steht an zweiter Stelle. Aber ich habe sehr viel mehr Mittel als Schuhe und mehr, als ich jemals nehmen oder verschreiben werden kann.

Und wenn es mir ganz besonders gut geht, dann mache ich auch glatt mal aus reiner Freude eine Arzneimittelprüfung mit. Ich kann da einfach nicht widerstehen, wenn es darum geht, ein Mittel wirklich von Grund auf zu verstehen.

Ich stöbere also in den virtuellen Regalen der Apotheke herum und stoße auf das Mittel „Tyrannosaurus rex“. Du meine Güte. Der T-Rex in homöopathischer Form! Den muss ich haben!

Geliefert wird das Mittel in einem Hochsicherheitspaket. Das macht mich etwas stutzig. Ich werde es doch wohl bei meinen anderen Mitteln in dem Schrank mit der Glastür aufbewahren können? Oder ist das vielleicht nicht sicher genug?

Das Fläschchen ist verpackt in dickem Karton, umwickelt von Dämmfolie, die durch braunes Klebeband festgezurt ist. Hätte ich vielleicht vorher erst mal die Arzneimittelbeschreibung lesen sollen? Wie haben die das überhaupt hergestellt? Gibt es den Jurassic Park eigentlich in echt? Hat da nicht irgendein Homöopath heimlich im Senckenberg Museum an einem Dino-Knochen geschabt?

Da sind plötzlich so viele Fragen. Ich werde ein bisschen nervös. Neben Plutonium, Uranium und Positronium ist das wohl das aufregendste Mittel, das ich je in den Händen gehalten habe. Getoppt werden könnte es einzig und allein noch von Raptor in der MM.

Ich stelle es in meinen Arzneimittelschrank zu den etwa 500 anderen Mitteln. Ich sortiere es gleich nach Sepia und noch vor Urtica urens ein.

Das war tatsächlich ein Fehler.

Kaum drehe ich der Vitrine den Rücken zu, gibt es auch schon Stress. Der T-Rex verträgt sich nicht mit meinen anderen Mitteln. Total hinterhältig hat er das nichtsahnende Bellis perennis angegriffen. Ausgerechnet das Gänseblümchen! Auf ihm wird eh immer so viel herumgetrampelt. Ich stelle das Fläschchen bemitleidend wieder auf. Das Gänseblümchen lächelt mich an und behauptet, es gehe ihm gut. Typisch Bellis. Ich werfe dem T-Rex einen bösen Blick zu und schließe den Schrank.

Kurze Zeit später – ich bin gerade dabei, ein Meerschweinchen mit Kieferblockade zu behandeln – gibt es schon wieder Stress im Schrank. Diesmal sind Mercurius und Nitricum acidum betroffen. Na, wenn er sich da mal nicht mit den Falschen angelegt hat! Mercurius zückt bereits das Messer und Nitricum acidum wird nicht klein beigeben – niemals!

Dem Meerschweinchen geht es wieder besser. Es kaut einen Grashalm. Ich erkläre die Behandlung für beendet, bringe meinen Patienten zur Tür und meine Katze vorsichtshalber in ein anderes Zimmer. Wer weiß, auf welche Ideen der Dinosaurier noch kommt!

Kaum ist die Katze in Sicherheit, gibt es erneut Krawall im Medizinschrank. Er hat das Aconitum von hinten ganz plötzlich und unerwartet angegriffen und sämtliche Globuli zu Staub zermahlen. Es ist tot. Ich schaue den Dino erschrocken und sehr betroffen an.

Er hätte immer das Gefühl, im Nachteil zu sein, beantwortet er meinen Blick. Ach so. „Wegen meiner kurzen Arme“, fügt er hinzu.

Vielleicht sollte ich ein Anti-Aggressions-Training mit ihm absolvieren? Oder an seinem Selbstbewusstsein arbeiten? Zugegeben, wirklich hübsch ist er ja nicht. Termin bei einer Kosmetikerin?

Ich will ihn gerade fragen, ob er Probleme mit seinem Äußeren hat, da entsteht schon wieder Unruhe im Homöopathie-Schrank. Der Dino plant einen Terroranschlag! Das fehlt mir noch. Nein – das fehlt mir natürlich nicht!

Ich nehme das braune Fläschchen mit den wilden Globuli wieder aus dem Schrank und sperre es in den Hochsicherheitstrakt, in dem es geliefert worden ist. Ich schnappe mir das Päckchen sowie meine Tasche und mache mich auf den Weg zur Apotheke, um neues Aconitum zu besorgen.

Auf dem Weg dorthin halte ich am Zoo an und gebe an der Pforte den T-Rex ab – mit dem Hinweis, das Päckchen erst zu öffnen, wenn der Zoo geschlossen hat, ich in weiter Ferne bin und dinosauriergeschultes Personal anwesend ist.

Und wenn ich jetzt schon mal in der Stadt bin, gehe ich auch gleich noch shoppen: Schuhe – zur Beruhigung.

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