Ikea
Ich habe an meiner Kondition gearbeitet und fühle mich heute in der Lage, dem großen schwedischen Einrichtungshaus einen Besuch abzustatten. Und gut gefrühstückt habe ich auch, damit ich auch sicher an den Zimt-Nelken-Keksen vorbeikomme, ohne mit ihnen persönlich Kontakt aufnehmen zu müssen. Mich der Orientierungslosigkeit mal voll hingebend, der reinen Intuition folgend, entspanne ich mich in die Reizüberflutung hinein. Meine Augen tun zwar ein wenig weh von dem künstlichen Licht, aber ich lasse mich vom Besucherstrom mitreißen und halte nur an den entsprechenden Stellen an, um meine Einkaufsliste abzuarbeiten. Der Wagen ist voll. Ich habe es fast geschafft. Die Zielgerade ist energetisch schon wahrnehmbar, da passiert etwas unvorstellbar Schreckliches.
Früher sind meine Kinder bei Ikea-Besuchen irgendwann bei einer anderen Familie mitgelaufen, heute ist es mein Einkaufswagen, der mit einer anderen Personengruppe schon etwa einen Kilometer weitergerollt ist. Bis eben lag ich noch gut in der Zeit. Ich hatte alles beisammen: Vorhänge, Handtücher, Behältnisse verschiedenster Art, Decken und eine sehr hübsche Vase in off-white, da ist mein Einkaufswagen einfach verschwunden. Und das nur, weil ich ihn mal für einen Augenblick irgendwohin gestellt habe, um mal kurz – nur ganz kurz – nach der einen Stehlampe zu schauen. Die, die aus Papier zusammengebastelt ist.
Weg ist weg. Und mit ihm meine mühsam zusammengesuchten Errungenschaften. Vielleicht sollte ich eine Durchsage machen lassen. Vielleicht hat ihn ja auch jemand in der Einkaufswagenbetreuung abgegeben? Ich könnte heulen. In welcher Richtung soll ich denn nun suchen gehen? Ich habe bestimmt schon 3,5 km Einrichtungshaus hinter mir und war noch nicht im Lager, Regal 10, Reihe 26. Oder war es umgekehrt? So was Blödes, der kleine Zettel mit den Daten der Möbel, die ich kaufen wollte, liegt auch im Einkaufswagen. Ich schaue mich um. Auf der anderen Seite bei den Mülleimern steht eine Familie, die hat so ähnliche Sachen im Wagen, wie ich sie ausgewählt habe. Die Vase ist zwar himmelblau und der Teppich grün statt lila, aber damit könnte ich leben. Nur zu dumm, dass da auch noch ein Kind mit drin sitzt. Davon habe ich schon so viele.
Die Eltern schauen etwas irritiert, als ich deren Einkaufswagen analog zu meiner gedanklichen Diskussion hin und her schiebe. Ich lasse den Wagen los mit der Begründung, mich beim Kind geirrt zu haben, und verschwinde schnell in Richtung Ausgang. Ich fühle noch eine ganze Weile die Blicke der verwirrten Eltern auf meinem Rücken. Als ich an den Kassen ankomme, steht er da – mein Einkaufswagen – mit all den Sachen, die ich da reingepackt habe. Nur bezahlt hat ihn leider noch keiner.
Ich lasse meiner Freude über den totgeglaubten und wiedergefundenen Wagen freien Lauf. So, als hätte ich nach stundenlanger Suche mein Kind endlich aus dem Bällebad der Fox-Box freigegraben, nachdem Polizeihundertschaften samt Suchhunden schon ausgerückt waren. Die Leute gucken komisch. Aber die hatten ja auch den Stress nicht. Bis auf einen Familienvater, der lacht mit. Anscheinend kennt er auch solche Situationen. Und während wir so in der Kassenschlange warten, bietet er mir einen Zimt-Nelken-Keks an. „Sie sehen so aus, als könnten Sie einen gebrauchen“, fügt er hinzu. Dankbar über das Angebot nehme ich Kontakt mit dem Keks auf.